Nichts wirkt
seelisch stärker auf die Kinder
als das ungelebte Leben
der Eltern.
(C.G.Jung)

Kriegsenkel…


haben eigentlich nichts Schlimmes erlebt?!?
Sie sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen und sollen sich „nicht so anstellen“? Dennoch kennen viele der zwischen 1960 und 1975 geborenen dieses unbestimmte Gefühl der Traurigkeit, der eigenen Unzulänglichkeit und der merkwürdigen inneren Leere.

Die Psychologie hat inzwischen erkannt, dass die seelischen Folgen des 2. Weltkrieges auch in der 2. und 3. Generation noch erkennbar sind. Sie spricht von der „transgenerationalen Weitergabe“ von (Kriegs-)Traumata.

Junge Kriegsüberlebende und kindliche Flüchtlinge
— die sogenannten Kriegskinder — haben in der Regel keine familiäre, geschweige denn fachliche Begleitung bekommen, um ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten. In den Familien wurde vieles verschwiegen und verdrängt; ihre Eltern kämpften in erster Linie ums Überleben. Um emotionale Bedürfnisse und die gesunde psychische Entwicklung der Kinder konnte sich niemand kümmern. Wenn man nichts zu essen und kein Zuhause hat, ist all dies nebensächlich.

Nach dem Krieg kam der Wiederaufbau
und mit ihm das große Schweigen. Die Erlebnisse von Gewalt und Vergewaltigung, von Tod und Vaterlosigkeit konnten auch in dieser Zeit nicht ausgedrückt und verarbeitet werden. Zwar ist in vielen Familien über den Krieg gesprochen worden, allerdings oft eher in Form von Abenteuergeschichten oder witzigen Anekdoten.

"Viele haben den Krieg abgespeichert wie
Wissen aus dem Geschichtsbuch.
Die Gefühle dazu haben sie verdrängt",
sagt dazu Michael Ermann,
Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik
der Psychiatrischen Universitätsklinik München.

Somit verharren Kriegskinder oft lebenslang
in einer emotionalen Sprachlosigkeit und haben diese weitervererbt. Der Begriff „vererben“ kann dabei durchaus wörtlich genommen werden: Genforscher stoßen zunehmend auf Hinweise, dass traumatische Erlebnisse auch das Erbgut dauerhaft verändern.

Die Kinder der Kriegskinder leiden
oft unter den gleichen Verlust- oder Mangelerfahrungen, ohne dass sie den Krieg selbst erlebt haben. Sie beklagen zudem depressive Verstimmungen, Kinderlosigkeit und Selbstzweifel, leiden unter Antriebslosigkeit, unklaren Schuldgefühlen und mangelnder Durchsetzungsfähigkeit, berichten von Heimatlosigkeit und inneren Blockaden.

 

 

Die Kriegsenkel in Sabine Bodes gleichnamigem Buch berichten außerdem von der emotionalen Unerreichbarkeit ihrer Eltern, der „ererbten“ Unfähigkeit, Gefühle wahrnehmen und mitteilen zu können. „Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben sie selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg und auf der Flucht alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Die Kriegskinder haben in ihrer emotionalen Ausstattung häufig ein Defizit. Das führt dazu, dass die Bindung zwischen ihnen und ihren Kindern, den Kriegsenkeln, nicht gut ist. Es ist nicht leicht, diesen Zusammenhang zu erklären, aber er ist da.“
Sabine Bode, Süddeutsche Zeitung 2009

Kriegsenkelin oder Kriegsenkel zu sein ist also ein Schicksal ohne Ausweg?
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